Rüdiger Lautmann

Aus BoyWiki

Rüdiger Lautmann (* 22. Dezember 1935 in Koblenz) ist ein deutscher Soziologe. Er war der erste Professor einer deutschen Hochschule, der sich (1971) mit der Untersuchung der Diskriminierung Homosexueller in Geschichte und Gegenwart befasste. Zu Beginn der 1990er Jahre initiierte er die erste und bis heute einzigartige Dunkelfeldforschung zur Lebenswirklichkeit Pädophiler in Deutschland.

Vita

Rüdiger Lautmann wuchs in Düsseldorf auf und studierte zunächst Rechtswissenschaften. Nach dem zweiten Staatsexamen und seiner Promotion zum Dr. jur. utr. nahm Lautmann ein Studium der Soziologie auf und promovierte zum Dr. phil. Nach ersten Stellen in Münster (Ltg. Helmut Schelsky) und in Bielefeld bei Niklas Luhmann war Lautmann von 1971 bis zu seiner Pensionierung 2001 ordentlicher Professor für Soziologie am Institut für Empirische und Angewandte Soziologie (EMPAS) der Universität Bremen.

Sein homosexuelles »Coming-out« hatte er 1963, seit 1977 bekennt er sich öffentlich zu seinem Schwulsein. Lautmann ist seit 2005 mit seinem zweiten langjährigen Lebensgefährten Heiko Hinrichs verpartnert und lebt in Hamburg. Dort leitet er das Institut für Sicherheits- und Präventionsforschung, e.V..

Werk

Eine der ersten wissenschaftlichen Arbeiten Lautmanns war ein empirisches Projekt zur richterlichen Entscheidungsfindung. Die in Justiz – die stille Gewalt 1972 veröffentlichten Ergebnisse riefen viel Aufmerksamkeit, teilweise auch entschiedene Ablehnung, innerhalb der Justiz und der Rechtswissenschaft hervor, da sie die weitverbreitete Vorstellung von einer rein rationalen Entscheidungsfindung widerlegten und den Blick auch auf außerjuristische Faktoren richteten.

Frühzeitig hat er sich auch in der kritischen Kriminologie und Polizeiforschung engagiert und war zweimal in der Redaktion des Kriminologischen Journal tätig. Er ist Mitglied verschiedener Fachgesellschaften (z. B. Deutsche Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS)).

Zu den bedeutenden Veröffentlichungen Lautmanns zählt die Edition der von 1980 bis 1997 erschienenen Schriftenreihe Sozialwissenschaftliche Studien zur Homosexualität, Homosexualität. Handbuch der Theorie- und Forschungsgeschichte (als Herausgeber), sowie Das pornographierte Begehren (zusammen mit Michael Schetsche). Gleichsam als Summe seiner wissenschaftlichen Arbeit erschien 2002 das Lehrbuch Soziologie der Sexualität. Erotischer Körper – intimes Handeln – Sexualkultur, das in die Reihe Grundlagentexte der Soziologie aufgenommen wurde. Letzteres ist auch als Antwort auf einen gleichnamigen Text seines früheren Lehrers Helmut Schelsky zu verstehen. In Schelskys Bestseller Soziologie der Sexualität, 1955 in der Reihe Rowohlts deutsche Enzyklopädie erschienen, wird die Ablehnung der Homosexualität wie auch die Ablehnung des Publikmachens anderer sexueller Normverstöße (etwa durch die Arbeiten von Kinsey et al.) sozialhygienisch begründet.

In den 1970er Jahren leistete Lautmann einen entscheidenden Beitrag zur wissenschaftlichen Entpathologisierung der Homosexualität. Aufgrund seiner kriminologischen und juristischen Zusatzqualifikation und entsprechend interdisziplinär angelegter Foschungsarbeiten (u. a. Die Funktion des Rechts in der modernen Gesellschaft; wie auch Der Zwang zur Tugend - Die gesellschaftliche Kontrolle der Sexualitäten), gilt er zudem als Experte für die gesamte Sexualstrafrechtspraxis nicht nur in puncto Homosexualität.

Zu Pädophilie

In Folge der unzureichenden und halbherzigen Strafrechtsreform von 1973 befaßte sich Lautmann (neben anderen) eingehender mit dem Sexualstrafrecht. Dabei faßte er u.a. die Pädophilie in einen Katalog von »Straftaten ohne Opfer«, denen strafrechtlich nur unzureichend sanktionierte Tathandlungen gegenüberstünden, die reale Opfer produzierten, etwa die Vergewaltigung in der Ehe.

Das Feldforschungsprojekt »Phänomenologie sexueller Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern« erhielt 1990 den Förderzuschlag der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Beteiligt waren neben Lautmann die Soziologen Michael Schetsche und Rainer Hoffmann, sowie die Psychologin Martina Knopf. Es wurden etwa 60 "in Freiheit" lebende echte Pädophile interviewt, insgesamt konnten über 100 Männer für Befragungen gewonnen werden. Das erste - und bis heute einzige - deutschsprachige Projekt, das die sozio-sexuellen Seiten der Pädophilie empirisch erforscht, schloß Lautmann 1994 mit der Publikation seines Buches Die Lust am Kind. Portrait des Pädophilen ab. Seitdem gilt er als gefragter, aber auch leidenschaftlich befehdeter Experte für Pädophilie.

Wurde das Buch von Pädos mehrheitlich als langst überfälliges authentisches Portrait ihrer selbst begrüßt und auch von der Fachwelt entsprechend gewürdigt,[1] so wurde es schnell zum Stein des Anstoßes für eine sexualpolitische Mobilmachung christlich-konservativer und pro-zensur-feministischer Kreise.[2] Kritik kam von Teilen des organisierten Kinderschutzes und einer sich nach amerikanischen Vorbild gerade erst formierenden Mißbrauchsforschung. Sie reicht von bedenkenswerten Einwänden gegen die optimistische Bewertung pädophiler Beziehungen, über den - an der Forschungsintention vorbeigehenden - Vorwurf des Außerachtlassens der Kinder, bis hin zur dumm-dreisten Polemik.[3] Lautmann selbst hat seinen Standpunkt in der Pädo-Debatte gegenüber den Betroffenen präzisiert und gegenüber seinem vehementesten Kritiker Gerhard Amendt verteidigt. In einem Aufsatz für das Handbuch Sexueller Mißbrauch reflektiert er die pädophile Begegnung unter spieltheoretischen bzw. theater-logischen Gesichtspunkten. Mit der Mißbrauchskampagne, die eine unvoreingenommene Betrachtung pädophiler Realitäten erschwert oder verhindert, setzt er sich kritisch in einem Beitrag über Moralpanik in der Zeitschrift Merkur auseinander. Dennoch verzichtete er auf eine Neuauflage des Buches Die Lust am Kind und ließ eine fast fertige Übersetzung ins Englische einmotten: »Wenn Gefühle verletzt wurden, dann wollte ich dazu nicht weiter beitragen.«

In einer Diskussion im Anschluß an die Premiere des Theaterstücks Fotofinish in Dresden im Mai 2001 bedauerte er die aktuelle »Hetze gegen Pädos«, betonte aber zugleich, sich nicht mehr mit dem Thema im engeren Sinne befassen zu wollen.

Von der Rednerliste einer Tagung der Katholischen Akademie Bayern zum Thema »Der Pornographie-Boom und seine Folgen« im Jahr 2003 wurde Rüdiger Lautmann begründungslos wieder gestrichen. Vorher hatte der Verein C@rechild eine e-mail an die Veranstalter geschickt, in der Lautmann als »der offensichtlich pädomane Prof. Dr. Rüdiger Lautmann«, der Gewalttaten an Kindern bagatellisiere, verunglimpft wurde.[4]

Obgleich er wiederholt Solidarität mit einer ausgegrenzten Minderheit eingefordert hat - zumal von einer Schwulenbewegung, denen Ausgrenzung, Verfolgung und Marginalisierung zur leidvollen Geschichte geronnen ist - gründet Lautmanns Interesse am Gegenstand nicht vorrangig auf Sympathie für Pädophile. Die Subsumierung der Pädophilie unter die allesbeherrschende Missbrauchsfigur ist für ihn der erstaunliche Fall einer beispiellosen Entdifferenzierung. Damit stemmt sich der gesellschaftliche Diskurs gegen die allgemeine Tendenz einer fortschreitenden Ausdifferenzierung sozialer Systeme (also auch wissenschaftlicher Disziplinen, Lebenswelten, Persönlichkeiten und sexueller Präferenzen), wie sie Niklas Luhmann beschrieben hat.

Die Reformen und Änderungen des Sexualstrafrechts seit 1998 betrachtet er als direkt auf Pädophile zielend.


Veröffentlichungen (Auswahl)

Allgemein

  • (1970) Mit Maihofer, Werner; Schelsky, Helmut (Hg.): Die Funktion des Rechts in der modernen Gesellschaft. Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie, Bd. 1. Bielefeld: Bertelsmann.
  • (1971) Als Hrsg. mit Feest, Johannes: Die Polizei. Soziologische Studien und Forschungsberichte. Opladen: Westdeutscher Verlag.
  • (1972) Justiz – die stille Gewalt. Teilnehmende Beobachtung und entscheidungssoziologische Analyse. Frankfurt/Main.
  • (1973) Als Hrsg. mit Fuchs, Werner u.a.: Lexikon zur Soziologie. Opladen: Westdeutscher Verlag. 1973; 3. erweit. Aufl. 1994 ISBN 3-53111-417-4; 4. erweit. Aufl. 2002/2003.
  • (1980-1997) Sozialwissenschaftliche Studien zur Homosexualität. Berlin: Verlag rosa Winkel. Acht Bände.
  • (1984) Der Zwang zur Tugend. Die gesellschaftliche Kontrolle der Sexualitäten. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
  • (1990) Mit Schetsche, Michael: Das pornographierte Begehren. Frankfurt/New York: Campus.
  • (1992) Konstruktivismus und Sexualwissenschaft. Z Sexualforsch, 5(3), 219-244.
  • (1993) Als Hrsg.: Homosexualität. Handbuch der Theorie- und Forschungsgeschichte. Frankfurt/Main: Campus.
  • (1997) Der Homosexuelle und sein Publikum. Ein Spagat zwischen Wissenschaft und Subkultur. Hamburg: MännerschwarmSkript Verlag.
  • (2000) Mit Hutter, Jörg; Koch-Burghardt, Volker: Ausgrenzung macht krank. Homosexuellen-Feindschaft und HIV-Infektion. Opladen: Westdeutscher-Verlag.
  • (2002) Als Hrsg. mit Jellonnek, Burkhard: Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt. Paderborn: Schöningh. 2002. ISBN 3-50674-204-3
  • (2002) Soziologie der Sexualität. Erotisches Körper, intimes Handeln und Sexualkultur. Weinheim, München: Juventa.
  • (2004) Als Hrsg. mit Daniela Klimke und Fritz Sack: Punitivität. 8. Beiheft zum Kriminologischen Journal. Weinheim: Juventa-Verlag.
  • (2006) Mit Daniela Klimke: Die neoliberale Ethik und der Geist des Sexualstrafrechts. Zeitschrift für Sexualforschung 19, S. 97-117.

Pädophilie im weitesten Sinne

  • (1980) Sexualdelikte — Straftaten ohne Opfer? Zeitschrift für Rechtspolitik 13, S. 44-49
  • (1994) Die Lust am Kind. Portrait des Pädophilen. Hamburg: Ingrid Klein Verlag GmbH. 1994. ISBN 3-89521-015-3
  • (1993) Sexualität ist wieder böse, und im Strafrecht liegt das Heil. In Lorenz Böllinger & Rüdiger Lautmann (Hrsg.). Vom Guten, das noch stets das Böse schafft. Kriminlawissenschaftliche Essays zu Ehren von Herbert Jäger (S. 149-160). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • (1996) Mißbrauch. Über Moralpolitik. Merkur, 50(9/10), 865-879
  • (1997) Pädophilie - darf es die geben? Anfragen anlässlich eines Buches. In Frits Bernhard (Hrsg.), Pädophilie ohne Grenzen. Theorie, Forschung, Praxis. Frankfurt am Main: Foerster.
  • (1997) Pädophilie: Partnerschaft oder subtile Gewalt? 5 Streitfragen an Gerhard Amendt und Rüdiger Lautmann. Psychologie heute, Dezember 1997, 56-61.
  • (1999) Das Szenario der modellierten Pädophilie. In Katharina Rutschky & Reinhard Wolff (Hrsg.), Handbuch Sexueller Mißbrauch (S. 182-198). Reinbek: Rowohlt.

Weblinks

Quellen

  1. Aigner, Josef-Christian. (1995). Rüdiger Lautmann: Die Lust am Kind. Portrait des Pädophilen (Buchbesprechung). Z Sexualforsch, 8(4), 385-387.
  2. exemplarisch: Amendt, Gerhard. (1997). Pädophilie oder: Über sexualwissenschaftliche Trivialisierungen inzestartiger Handlungen. Leviathan, Zs. f. Sozialwissenschaft, 25 (2) und Falsche Kinderfreunde. Emma September/Oktober 1993. Das von Alice Schwarzer redigierte Flaggschiff des Pro-Zensur-Feminismus warnte bereits vor der Veröffentlichung des Buches vor einer unheiligen Allianz zwischen »Pädophilen-Vereinen und Kinderschutz-Organisationen«, hatte es aber eigentlich bloß auf ihr altes Feindbild Katharina Rutschky abgesehen.
  3. So nehmen Bange/Enders in einem Kapitel ihres Handbuchs über »Sexuelle Gewalt gegen Jungen« expliziten polemischen Bezug auf Lautmann, wenn sie Der Verrat am Kind. Porträt des Pädophilen titeln. Vgl. Bange, Dirk & Enders, Ursula. (1995). Auch Indianer kennen Schmerz. Handbuch gegen sexuelle Gewalt an Jungen. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
  4. vgl. Diskussion im jungsforum, 14.02-16.02.2003, übrigens auch für die maßlose Selbstüberschätzung dieses vglw. unbedeutenden Vereins, der sich auf Pädo-Aktivitäten im Internet konzentriert