Sylvia Tanner

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Sylvia Tanner († 17.10.2010) betrieb eine ehrenamtliche Beratungstelle für Pädophile in Schaffhausen in der Schweiz, auch bekannt unter ITP-arcados. Als eine der ersten im deutschsprachigen und lange Zeit einzige im deutschsprachigen Raum arbeitete sie niedrigschwellig im Dunkelfeld mit zumeist jungen Boylovern in der Coming-In-Phase. Im Oktober 2010 erlag sie einem Krebsleiden.

Gründung der Beratungsstelle

Sylvia Tanner war lange in Krankenpflege und AIDS-Beratung tätig. Anfang der 90er-Jahre gestand ihr ein Freund der Familie seine pädophile Neigung. Er fürchtete, die Söhne von Sylvia Tanner könnten im Zuge eines Ermittlungsverfahrens polizeilich befragt werden, obwohl keine ungesetzlichen Kontakte stattgefunden hatten. Nach einer vorübergehenden Verhaftung verlor der Familienfreund kurz darauf seine berufliche Existenzgrundlage als Lehrer und begang Suizid. Dieses Erlebnis konfrontierte Sylvia Tanner unvermittelt mit dem Thema Pädophilie und der damit verbundenen Belastung für Betroffene. In der Folgezeit begann sie, sich ausführlich mit dem Thema auseinander zu setzen und stellte ihr Beratungsangebot 1994 auf pädophil empfindende Menschen um. Mit dieser Entscheidung traf sie in ihrem Umfeld weitgehend auf Unverständnis und Ablehnung und wurde gesellschaftlich isoliert und auch angefeindet. Dennoch führte sie ihre Arbeit aus Überzeugung fort, wobei ihr ihre Söhne und einige enge Freunde stets beistanden.

Arbeitsweise

Sylvia Tanner betrieb ihre Arbeit ehrenamtlich und privatfinanziert. Die Beratung bei ITP-arcados fand hauptsächlich telefonisch, später zunehmend per E-Mail und Skype statt. Nach eigenen Angaben meldeten sich häufig relativ junge männliche Betroffene zwischen 15-25. Außerdem beantwortete sie Anfragen von Eltern von pädophil empfindenden Menschen sowie gelegentlich Personen, die einen Mißbrauchsfall in ihrem Umfeld vermuteten. Nach ihren sexualwissenschaftlichen Recherchen war sie früh zu der Erkenntnis gekommen, daß Pädophilie eine relativ früh feststehende, sexuelle Prägung ist, die mit Heterosexualität und Homosexualität vergleichbar ist und nicht "wegtherapiert" werden kann. Stattdessen setzte sie bei Betroffenen auf den Aufbau eines gesunden Selbstwertgefühls und positivem Umgang mit der sexuellen Neigung. Daneben sollte die Selbstverantwortung eines BL und dessen Selbstkontrolle hinsichtlich sexueller Kontakte gestärkt werden. Sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern hielt sie zwar nicht per se, jedoch in der momentanen gesellschaftlichen Lage für zu riskant und potentiell schädlich und lehnte sie daher ab. Im Laufe der Jahre beriet sie Hunderte von Betroffene persönlich und verhalf durch ihren Beistand zahlreichen oft suizidalen Betroffenen zu Lebensmut. Neben der Erleichterung, überhaupt über das Thema reden zu können, profitierten viele Betroffene von ihrer unvoreingenommenen Art, auch Pädophile menschlich und fast mütterlich zu behandeln und ihre Liebe zu Kindern als natürlich und im Grunde positiv einzuschätzen. Dies stand und steht weiterhin im absoluten Kontrast zur verbreiteten Stigmatisierung und eröffnete häufig erst den Weg zur psychischen Stabilisierung Betroffener.

Öffentlichkeitsarbeit

Neben der direkten Beratung von Pädophilen setzte sie sich stark für eine Veränderung der öffentlichen Wahrnehmung ein: Anstatt des "Monsters" wollte sie eine humane Sicht auch auf pädophil empfindende Menschen stärken, mit dem Hintergrund, daß selbst enthaltsam lebende Pädophile häufig stark unter Vorurteilen und öffentlichen Zerrbildern und damit verbundenen psychischen Problemen leiden. Dafür setzte sie sich auch im Zuge zahlreicher Interviewanfragen und in Fachkreisen ein und arbeitete lange Zeit auf die Gründung einer offiziellen Beratungsstelle hin, was zu ihrer Enttäuschung bis zuletzt von den Verantwortlichen abgelehnt wurde. Auf der ITP-arcados-Webseite wurden, auch von verschiedenen Mitarbeitern, zahlreiche Hintergrundinformationen gesammelt und bereitgestellt, wodurch eins der wenigen relativ neutral gestalteten Informationsportale zum Thema Pädophilie entstand. Da Sylvia Tanner keine staatlich ausgebildete Therapeutin war, auch wenn sie sich in mehreren Fortbildungen qualifizierte, wurde sie in Fachkreisen jedoch lange nicht beachtet. Später wurde sie in die Gesellschaft für Sexualwissenschaften e.V. in Leipzig aufgenommen. Ihre Bemühungen, eine adäquate Nachfolge für die Beratungsstelle ITP-arcados zu finden, scheiterten jedoch bis zuletzt an der gesellschaftlichen Tabuisierung.

Weblinks